Eine Jeans auf Weltreise

Schließlich kaufen wir ja auch gemeinsam das Gleiche ein. Jeans beispielsweise. Allein von diesen Hosen werden jedes Jahr eine Milliarde hergestellt! Das ist Ausdruck der wahren Macht des Konsumenten. Wir entscheiden, was auf welche Weise produziert wird - indem wir es kaufen oder eben nicht.

Doch Jeans ist nicht gleich Jeans. Und damit sind nicht die auf den Hosentaschen aufgenähten Markennamen gemeint. Diese robusten Allerweltshosen, die bald jeden Kleiderschrank bevölkern, sind nämlich auch beispielhaft dafür, wie globalisierte Produktions-abläufe den Planeten unnötig vergiften.

Eine Jeans besteht aus 18 Teilen, die in der ganzen Welt hergestellt werden. Im Durchschnitt sind zwölf Länder daran beteiligt, die auf vier verschiedenen Kontinenten liegen. Bis die Hose fertig ist, umrunden ihre Bestandteile den Globus eineinhalb Mal. Die bis zu 65'000 Kilometer langen Transportwege verbrauchen enorm viel fossile Energie in Form von dreckigem Schiffsmotorendiesel, der das Meerwasser verschmutzt und die Luft verpestet.

Die Devise der Globalisierung lautet: Größer ist mehr ist billiger ist profitabler. Deshalb lieben Investoren und Großproduzenten landwirtschaftliche Monokulturen. In Brasilien legt man riesige Gensoja-Felder fürs globalisierte Masttierfutter an und holzt dafür den Regenwald ab, während sich in den USA, Indien und China die Baumwollplantagen ausbreiten. In den letzten zwanzig Jahren hat man die globale Baumwollernte auf das Vierfache gesteigert. Auch eine Konsequenz unseres immer exzessiveren Kleiderkaufens.

Doch solche auf Hochleistung getrimmten Monokulturpflanzen sind anfällig und schwach, ihre Böden ausgelaugt und tot. Nebst Unmengen künstlichem Dünger muss gnadenlos Gift eingesetzt werden. Ein Viertel aller weltweit hergestellten Pestizide wird auf den Baumwollfeldern versprüht. Das vergiftet die Landarbeiter ebenso wie den Acker. Die meisten dieser Pestizide sind in Europa seit Jahren verboten, während man in Indien immer größere Mengen davon verbraucht. Rückstände dieser Schädlingsbekämpfungsmittel gelangen natürlich auch in unsere heißgeliebten Jeans.

Obwohl Baumwolle an sich eine genügsame Pflanze wäre, wird ihr Durst durch intensive Landwirtschaft unersättlich. Für jedes Kilo Baumwolle werden 5'000 bis 25'000 Liter Wasser verschwendet. Soviel Wasser verbraucht ein Franzose in 100 Tagen; in der Sahelzone kann ein Mensch damit mehrere Jahre leben. Solchem Irrsinn begegnen wir nicht nur im Ackerbau, sondern auch in der industrialisierten Fischzucht. Weil die Ozeane wegen unserer Gier bald leergefischt sind, beginnt man, Delikatessen wie den Thunfisch in Farmen zu züchten. Doch um ein Kilo Zuchtfisch zu mästen, muss man den Thunfisch mit 20 Kilo Meerfisch füttern.

Nach ihrer Weltreise landen die Jeans-Bestandteile in Tunesien, wo die Hosen zusammengenäht werden. Dort verdienen die Arbeiterinnen nämlich nur 150 Euro im Monat. Und wenn die Jeans dann endlich fertig ist, wird viel Energie darauf verwendet, sie gleich wieder kaputt zu machen. Künstliche Alterung liegt nämlich nach wie vor im Trend. Ist die Hose – stone-washed -, abgenutzt und zerrissen, kostet sie in schicken Boutiquen gleich deutlich mehr. Klar. Hinter dieser gezielten Zerstörung steckt ja auch viel Extra-Arbeit, werden die Hosen doch 50 verschiedenen - Nachbehandlungen - unterzogen. Das ist der umweltschädlichste Teil der ganzen Produktion, weil dabei viele giftige Chemikalien zum Einsatz kommen. Zwar müssen die Jeans-Fabrikanten Tunesiens laut Gesetz ihre Abwässer aufbereiten, doch noch immer fließt giftige Brühe aus vielen älteren Fabriken illegal in Flüsse und Meer.

Entspricht die Jeans dann endlich dem Geschmack des Käufers, wird sie per Schiff wieder in die ganze Welt hinaus verfrachtet. Wenn wir sie dann im Laden anprobieren, ist uns nicht bewusst, dass an jeder Hose ein Liter Pestizid und 25 Liter Erdöl kleben - ganz abgesehen von den oft nachweisbaren Chemikalien- und Pestizidrückständen im Stoff.

Was wir tun können? Auf Bio-Baumwolle und regionale Produktion achten. Das schont die Umwelt und spart unnötige Transportkosten. Und wenn man uns im Laden diese wichtigen Informationen über die Herkunft der Jeans nicht geben kann? Na, dann schreiben wir der Geschäftsleitung, dass wir dann allenfalls wieder Jeans in ihrem Geschäft kaufen werden, wenn der Produktionsweg ihrer Hosen transparent ist. Das ist auch Zivil-Courage.

Eine Milliarde Jeans werden jährlich gefertigt. Wir wären wohl erstaunt, wie schnell die geforderte Deklarationspflicht eingeführt werden könnte, würden die Hersteller auf einem großen Teil ihrer Ware sitzen bleiben.

Selbstverständlich kosten ökologisch und regional hergestellte Jeans mehr Geld. Das ist der Preis, den wir als Konsumenten bezahlen sollten, falls wir intelligent sind. Sonst werden auch unsere Jobs eines Tages in Billiglohnländer wegrationalisiert. Schließlich bekommt man im Leben immer das, was es einem wert ist. Und Hand aufs Herz: zwei oder drei Paar Jeans im Kleiderschrank reichen doch völlig aus. Es müssen ja nicht gleich ein Duzend sein. Selbst wenn der Geldbeutel vor Hunger knurrt, gibt es immer noch preisgünstige Second Hand-Läden - dort bekommt man außerdem den exklusiven - destroyed look - als kostenlose Zugabe gleich mitgeliefert.
Benjamin Seiler

Auszug aus der Zeitschrift www.zeitenschrift.com ZeitenSchrift Nr 71/2012 Mit dem Titel „AN UNSEREM WOHLSTAND ÜBERFRESSEN“

Das junge Herausgeber Ehepaar Seiler füllt mit der ZeitenSchrift eine große Informationslücke. Sie berichten oft über Dinge, die uns andere Medien gerne verschweigen.